Anschauungsmodell Bahnhof Fürth um 1836

Erinnerung wiedergewinnen

Am historischen Ort, einige hundert Meter vom heutigen Bahnhof und künftigen Ausstellungsort entfernt, erinnert auf der leeren Fläche der heutigen „Fürther Freiheit“ nichts mehr an den früheren, prominenten Schauplatz deutscher Verkehrsgeschichte: den Bahnhof Fürth der Ludwigseisenbahn, die zu der ersten Strecke in Deutschland zählt, die (auch) mit Lokomotiven betrieben wurde.

Die historische Bahnhofsanlage

Das Modell zeigt eine schlanke, umzäunte und verschließbare Anlage, die eine eingleisige Strecke über eine Weiche in zwei Gleise verzweigt, und über Drehscheiben an deren Enden querverbindet, um die Lok auf einem Nebengleis unterzustellen oder so auf das Nachbargleis umzusetzen, dass sie wieder vor einen ausfahrenden Zug gespannt werden kann. Unterstände für Pferde und eine Lokomotive bilden neben dem Stationsgebäude an der schmalen Seite zur Straße und der zentral stehenden Empfangshalle das räumliche Programm der Anlage.

Die Anordnung der funktionalen Elemente wirkt von Zwecküberlegungen bestimmt. An den Gebäuden und ihrer Anordnung aber erkennt man einen Gestaltungswillen, der darüber hinaus geht.

Ort der Bewegung

Mit seiner Thematik unterscheidet sich dieses Modell von nahezu allen anderen vorgestellten Objekten. Trotzdem bleibt das Bild von Bewegung statisch. Die charakteristischen Bewegungsabläufe und -muster eines Bahnhofs müssen in der Phantasie selbst vollzogen werden.

Das nüchterne, klar strukturierte und gut lesbares Architekturmodell wird durch die Beigabe von Fahrzeugen zu einem atmosphärisch aufgeladenen Schauplatz. Fast unvermeidlich nehmen die Fahrzeuge eine Solistentrolle ein und machen sich zum Zentrum der Aufmerksamkeit. Was vorher eigenständiger Gegenstand der Betrachtung war, gerät nun zum Hintergrund. Vgl. die unterschiedliche Wirkung der jeweiligen Abbildungen.

Das Modell basiert auf einer Vorarbeit aus anderer Hand

Claudius Karlinger aus München hat mit Blick auf die 175jährige Wiederkehr der Erstfahrt des Adlerzugs dem DB-Museum 2010 ein von ihm entworfenes und gebautes Modell aus Birkensperrholz zum gleichen Thema zur Verfügung gestellt. Es gab daher – ohne dass weiter zu recherchieren gewesen wäre – direkt verwendbare Geometriedaten, die lediglich für den beabsichtigten anderen plastischen Ausdruck übersetzt werden mussten. Was aber neu zu entwickeln war, war eine eigene, neue Gestalt.

Entwicklung der Farbgebung

Meine Vorstellung war, die Darstellung sollte auf keinen Fall zu bunt, zu gegenwärtig und damit zu zeitnah wirken. Man sollte Vergangenes auch als Distanz erleben.
Ein zentraler Ankerpunkt der Farbpalette war die von Anfang an gesetzte Verwendung eingefärbter Werkstoffe, um den Sandstein darzustellen und davon abgeleitet die ziegelgedeckten Dächer.

Zu diesen bräunlichen Tönen gesellte sich später im sanften Kontrast das gedämpfte Grün der Alleebäume bei. Diesem sich andeutenden Klang wurden alle anderen im Verlauf hinzutretenden Farbaspekte untergeordnet. Die Frage nach der Anmutung wurde also nicht vorweg, sondern mit fortschreitendem Prozess beantwortet.

Besondere handwerkliche Strategien bei der Ausführung

Um sichtbare (und möglicherweise störende Klebestellen) zu reduzieren wurden alle Gebäude so weit möglich aus einem Stück gefertigt, in das soweit erforderlich profilierte Einsätze mit inwendiger Verklebung eingebracht sind. Das Arbeiten in zusammenhängenden Einheiten und in möglichst einem Material war auch wegen der künftigen klimatischen Exponiertheit geboten.

Eckdaten

ORT
Dauerausstellung in einer Passage des heutigen Fürther Bahnhofs

AUFTRAGGEBER
Die Grundstücksgemeinschaft Höfen als neuer Eigentümer

MASSSTAB
1:120

MASSE
100 (110) x 28 (38) x 13,2cm (L x T x H) ohne bzw. mit Beschriftungspult

MATERIAL
Gebäude und Grundplatte: Polyurethanhartschaum, ergänzt um klares Acrylglas und diverse Ätzteile. Vegetationsdarstellung über beflockte Ätzlinge. Beim Modellzug handelt es sich um ein angepasstes Industrieprodukt. Beschriftungspult aus MDF, anthrazit. Abfederung des Objekts auf der Unterseite gegen Erschütterungen durch Filz

AUSFÜHRUNG
2021

FERTIGUNGSUMFANG
180 h

BEARBEITER
Peter Götz

FOTO
sehen + verstehen, München