Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer

VORSCHLAG ZUR KUNST AM BAU FÜR DAS NS-DOKUMENTTATIONSZENTRUM MÜNCHEN

Die Entscheidung für den Schauplatz

Die Wahl der „Ehrentempel“ basiert auf der Prominenz und Symbolträchtigkeit des Orts für den Nationalsozialismus und ihrer unmittelba­ren Nachbarschaft zum Dokumentationszentrum, das als Einrichtung – obwohl von NS-Bauten umgeben – keine historische Bausubstanz ein­schließt. Das vorliegende Projekt schlägt eine Brücke zwischen dem neuen Haus und einem der zentralen historischen „Erbstücke“.

Über Jahrzehnte hinweg waren die „Ehrentempel“ durch Einzäunung und Bewuchs dem öffentlichen Bewusstsein entzogen. Im Zuge des mit dem neuen Dokumentationszentrum bekundeten Aufbruchs zu einer bewussten Erinnerung scheint der Augenblick günstig und richtig, die Zeit der Ausblendung zu beenden und eine neue Phase der Auseinandersetzung und Erinnerung einzuleiten.

Wir schlagen dazu vor, den Bewuchs auf den Sockeln der „Ehrentempel“ zu entfernen. Mit ihrer Rückkehr ins öffentliche Bewusstsein und der Einbeziehung der „Ehrentempel“ in den Kanon der Erinnerung möchten wir den wich­tigen Ort, der im Augenblick merkwürdig leblos, wie eingefroren wirkt, für die Stadt und deren Leben zurückgewinnen. Wir lassen uns dabei von der Vorstellung leiten, dass Lebensgenuss und Erinnerung nicht notwendig getrennte Sphären sein müssen, sondern durchaus miteinander und beieinander möglich sind, auch wenn der Geschmack der Erinnerung bitter ist.

Für die entstehende Szenerie aus Dokumentationszentrum, „Ehrentem­pel“ und Führerbau/Musikhochschule scheint uns eine ungeschönte, von Bäumen unverstellte Konfrontation der Hinterlassenschaften des Nationalsozialismus mit dem Dokumentationszentrum inhaltlich richtig und atmosphärisch angemessen. Für den Umgang mit dem Baumbestand beiderseits der Brienner Straße stellen wir uns eine asymmetrische Lösung vor.

Die „Inangriffnahme“ des nördlichen Sockels als unübersehbares Zeichen im öffentlichen Raum

Drei große Stahlscheiben schneiden aus verschiedener Richtung in das „Fleisch“ des Sockels. Der paradoxe Angriff stählerner Klingen auf den Stein stimmt über ein spürbares, unbestimmtes Gefährdungsgefühl auf die Thematik des Orts ein. Er schafft die gewünschte Irritation, die bereits bei flüchtiger, erstmaliger Wahrnehmung eintritt: Hier ist etwas grundlegend nicht in Ordnung!

Für die Klingen stand das Bild der Rasierklinge Pate: scharf und gefähr­lich, immer nah an der Haut, bei einem Minimum an Material ein Maxi­mum an Festigkeit und Wirkung. Schnitt als Verletzung, aber auch als Freilegung.

Die Rück-Projektion von Gewalt und Gewalttätigkeit auf den Verursacher und seine Hinterlassenschaft verweist nicht nur auf seine Gefährlichkeit, sondern kommentiert unmissverständlich auch das „Vermächtnis“.

Weiterentwicklung zum Ort der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus

Die Begehbarmachung bedeutet für die von uns beabsichtigte Weiterentwicklung des Orts einen auch symbolisch wichtigen Schritt. In einer Kombination von Rampe und Stufen gelangt man von der Brienner Straße kommend an der dem Dokumentationszentrum zugewandten Seite auf das Plateau des (nördlichen) Sockels. Seine Oberseite ist als Ring gedeutet, bei dem die Mitte durch eine Schüttung mit Steinmaterial unterschiedlicher Körnung als „wüster“ Ort erlebbar ist. Die Tafeln, die sich beim Rundgang in den Weg stellen, übernehmen unterschiedliche Rollen und bilden zwei Schauplätze mit unterschiedlicher Funktion.

Die auf der Seite der Musikhochschule allein stehende, beidseitig bespielte Tafel1 führt in das Thema Nationalsozialismus ein. Auf der Zugangsseite erläutert sie, flankiert von einer großen bildlichen Darstellung der „Feier zum 9. November auf dem Königsplatz, 1936“, die Bedeutung des Orts, des Rituals und seine Verbindung mit den „Ehrentempeln“ und deutet das Propagandabild der Massenveranstaltung. In einer Konfrontation des propagandistischen Scheins mit der Realität markiert sie auf der Rückseite auf einer München-Karte Wohnorte von Opfern des Nationalsozialismus. Als Durchschüsse verbinden die Markierungen, die auf dem Propa­ganda­bild Ausrisse bilden, beide Seiten. Schöner Schein und Gewalt sind als zwei Seiten derselben Medaille gezeigt, sie gehören unweigerlich zusammen. Es gibt das eine nur zum Preis des anderen.

Tafel2 und Tafel3 bilden zusammen den zweiten Schauplatz, der in einer Rückkehr zum Heute das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft bzw. Staat reflektiert. Als Paar spannen beide Tafeln einen Raum auf, der dem Nachdenken und dem kontroversen Gespräch gewidmet ist. Auf den einander zugewandten Seiten werden Selbstaussagen des Nationalsozialismus in Propaganda- oder Originalzitaten aufgegriffen und mit Aussagen des Deutschen Grundgesetzes kontrastiert. Dazu treten als weitere Stimme von heute Einsprüche, Widerreden bzw. Fragen eines Alter Ego der Künstler. Diese dritte Stimme kreist in Tafel2 stärker um die Selbstbehauptung des Einzelnen, in Tafel3 stärker um Gesellschaft und richtet Fragen an unsere gegenwärtige bzw. zukünftige Gesellschaft.

Das Grundgesetz heranzuziehen erscheint hilfreich und legitim, weil es in weiten Zügen als unmittelbare, reziproke Antwort auf die Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus gelesen werden kann und von daher eine produktive Spannung in der Auseinandersetzung mit den Aussagen des Nationalsozialismus erzeugt. Die Verschränkung von historischer mit gegenwärtiger Perspektive erlaubt sowohl vertiefende Fragen an den Nationalsozialismus zu stellen als auch umgekehrt das notwendige Gespräch über Gegenwart und Zukunft aufzunehmen.

Der Satz, den wir zum Titel unserer Arbeit gemacht haben und der auf Goya rekurriert, empfängt den Besucher auf der Außenseite von Tafel2 als Mahnung zu Wachsamkeit. Dass der Vernunft-Begriff im Zusammenhang von Gespräch und Kontroverse eingeführt wird, zeigt, dass wir ihn nicht als etwas Unverrückbares, unmittelbar jedermann Selbsteinsichtiges verstehen, sondern als mögliches Ergebnis gemeinsamen kontroversen Ringens.

In der Verbindung eines Flanierens in leicht angehobener Perspektive, dem veränderten Blick auf den Stadtraum und seine steinernen Zeugen und der Sensibilisierung durch Erinnerungs- und Denkananstöße sehen wir das Potential dieses Schritts.

Weiterungen, Verknüpfungen und Vernetzungen

Unsere Arbeitshaltung ist im Ansatz von einem Denken in Bezügen bestimmt. Daher begreifen wir unsere Skulptur auch nicht als abgenabelten autonomen Solitär, obwohl er natürlich auch für sich allein „funktionieren“ soll.

Wir glauben, dass es unter den Besuchern die Chance zu einem Interesse gibt, das aus der Situation heraus spontan zur Vertiefung drängt. Man verlässt die distanzierte Betrachterperspektive, Nähe ent­steht. Wer waren diese Opfer hier auf der Karte? Die Chance zur persönlichen Annäherung an Individuen und Familien entsteht.

Ein kostbarer Impuls, den man aufgreifen könnte, indem man über einen angebrachten QR-Code auf einer entsprechenden Internetseite navigiert und Auskunft erhält. Viele der bereits erarbeiteten und teil­weise veröffentlichten Informationen, z.B. zu Biographien, könnten ein­gebunden und angeboten werden.

Auf diese Weise ließe sich nicht nur das Bedürfnis für Vertiefung befriedigen, es bleibt Raum zur Interpretation, zur Anpassung an veränderte Vorstellungen, zu fortlaufender Aktualisierung, und diese notwendigen Materialien für den Auftritt könnten in Projekten mit Zielgruppen erarbeitet werden. Aufgrund der hohen Attraktivität des Mediums könnte sowohl das Interesse an der Abrufung vertiefender Information als auch an der Mitarbeit bei der Erarbeitung entsprechenden Materials hoch sein.

Auch Täter und Tätergruppen könnten ein Profil bekommen. Tafel 1 bietet mit seinen beiden Seiten diesbezüglich Anknüpfungspunkte. Auch für Tafel 2 und 3 ist eine entsprechende Unterfütterung vorstellbar. Eine Einbeziehung in die didaktische Arbeit des Zentrums wäre naheliegend. Auch Gesprächsangebote zur Arbeit auch vor Ort sind zumindest von unserer Seite her denkbar.

Eckdaten

ORT
NS-Dokumentationszentrum, München

MASSE
xxxxx

MATERIAL
Stahl

WETTBEWERB
2012
lobende Anerkennung

AUSLOBER
Stadt München, Kulturreferat

ENTWURF
Lisa Lukas-Götz, Peter Götz

FOTOS
sehen + verstehen, München

Projekte in Gedenkstätten